Alltag
Die Griechen und Römern hielten Hausgänse nicht nur wegen ihres Fleischs und ihrer Federn.
Sie hatten bei ihnen noch eine ganz besondere Bedeutung:
Gänse galten als heilig und wurden zum Beispiel im Tempel auf dem Capitol in Rom gehalten. Dort sollen sie sogar durch ihr Geschrei die Wachen bei einem feindlichen Überfall geweckt und dadurch gerettet haben.
Haus- und Graugänse kommen nie allein vor: Sie sind sehr gesellige Tiere und leben und brüten in größeren Gruppen.
Dabei leben sie in Einehe. Wenn sich ein Paar gefunden hat, bleibt es ein Leben lang zusammen. Nur wenn ein Partner stirbt, kann es sein, dass sich der Zurückgebliebene einen neuen Lebensgefährten sucht.
Männchen und Weibchen finden sich schon ganz jung: Mit knapp zwei Jahren werden sie ein Paar. Doch erst muss das Männchen, auch Ganter genannt, mit seinem komplizierten Balzverhalten das Weibchen erobern:
Es winkelt den Hals an und nähert sich dem Weibchen, wenn dieses nicht verärgert reagiert oder wegfliegt.
Dann plustert das Männchen die Federn des Hinterleibs auf, damit es größer aussieht. So schwimmt es auf dem Wasser hin und her. Mit diesem Imponierverhalten vertreiben die Männchen ihre Rivalen und es entsteht eine Rangordnung in der Gruppe. Schließlich kehrt das Männchen mit Triumphgeschrei zu seinem auserwählten Weibchen zurück. Damit ist die Ehe geschlossen.
Graugänse können sehr gut schwimmen und laufen. Außerdem können sie lange Strecken fliegen. Obwohl die Vögel tag- und nachtaktiv sind, verläuft ihr Leben recht ruhig:
Etwa die Hälfte des Tages verbringen sie mit Futtersuche und Fressen. Die andere Hälfte liegen sie still und verdauen.
Übrigens: Wenn jemand eine Person eine "dumme Gans" nennt, dann ist das Unsinn: Gänse sind ziemlich kluge und lernfähige Tiere.
Freunde und Feinde
"Fuchs, du hast die Gans gestohlen" heißt es in dem alten Kinderlied - und Füchse gehören wie andere Raubtiere tatsächlich zu den Feinden der Gänse. Allerdings fallen ihnen eher Hausgänse zum Opfer, da die wilden Graugänse auf dem Wasser meist in Sicherheit vor Feinden sind.
Nachwuchs
Erst mit drei Jahren werden die Gänse geschlechtsreif. Und selbst dann warten sie noch mit dem Nachwuchs: Die meisten brüten erst im vierten Lebensjahr zum ersten Mal.
Hausgänse können bis zu 50 Eier pro Jahr legen. Entweder werden sie von der Gans selbst ausgebrütet oder sie werden in spezielle Brutkästen oder anderen Gänsen zum Brüten ins Nest gelegt.
Bei den Graugänsen findet die Paarung auf dem Wasser statt.
Ihr Nest bauen sie am Boden in der Nähe des Wassers. Dort ist es meist nur schwer zugänglich. Es wird aus Pflanzenmaterial errichtet und dick mit Daunen gepolstert. Durch ihr bräunliches Gefieder sind die Gänse dort beim Brüten gut getarnt.
Zwischen Ende März und Anfang Mai legt das Weibchen vier bis neun weißliche Eier und brütet sie aus, während das Männchen das Nest mit dem Weibchen bewacht. Nach 27 bis 29 Tagen schlüpfen die Jungen - auch Gössel genannt.
Graugänse sind Nestflüchter: Das heißt, sie können sofort ihren Eltern nachlaufen und schwimmen und werden von beiden betreut.
Meist schwimmt das Weibchen voraus, dann folgen die Jungen. Der Ganter bildet die Nachhut. Seine Aufgabe ist es, die Jungen zu bewachen und mit Zischen, Bissen und Flügelschlägen zu verteidigen.
Nach 50 bis 60 Tagen werden die kleinen Gänse langsam flügge. Sie bleiben aber noch bis in den Winter bei den Eltern. Richtig fliegen können sie erst mit vier bis fünf Monaten. Gemeinsam fliegen dann alle zum Winterquartier. Den Weg dorthin lernen die Jungen von den Eltern. Erst im nächsten Jahr, wenn die neue Brutzeit beginnt, verjagt der Gänse-Vater die Jungen.
Der Verhaltensbiologe Konrad Lorenz fand heraus, dass die Kleinen schon zwei Tage vor dem Schlüpfen durch bestimmte Laute Kontakt zu den Eltern aufnehmen.
Wen die Jungen nach dem Schlüpfen als Eltern anerkennen, entscheidet sich übrigens in dem Augenblick, in dem sie schlüpfen: Für die Jungen sind ihre Eltern was sie in diesem Moment sehen - egal ob Gans, Mensch oder Fußball. Sieht eine frisch geschlüpfte Graugans also einen Menschen, wird sie ihn als Mutter oder Vater anerkennen.
Ein paar Minuten betrachten die Gänschen die Eltern ganz still. Dann begrüßen sie sie mit dem typischen Graugans-Gruß, einem vielsilbigen Wispern: "Wiwiwiwiwi". Das bedeutet: "Hier bin ich, wo bist du?" Die Eltern antworten darauf mit einem beruhigenden Laut, der wie "Gangangang" klingt.
Die so genannte Prägung auf die Eltern macht Sinn: In der freien Natur wäre es tödlich, wenn die Kleinen ihre Eltern und Geschwister verlieren. Also müssen sie vom ersten Moment an wissen, wem sie nachlaufen müssen.